CHRONIST DES VERGÄNGLICHEN - Grosse Werkausstellung des Wittenberger Malers Manfred Wenzel

Im August wird der seit 1946 in Lutherstadt Wittenberg lebende Maler Manfred Wenzel 75 Jahre alt – ein guter Anlass für eine umfangreiche Werkschau. Die Idee
stammt von der schauspielernden Tochter Claudia: Sie hat am Konzept der Ausstellung gearbeitet, Bilder ausgewählt, gerahmt, ins Alte Rathaus transportiert und
auch beim Aufhängen tatkräftig angepackt. Circa 80 Bilder dokumentieren die Schaffensperiode Manfred Wenzels: Das erste Bild datiert von 1949 zeigt das ALTE
RATHAUS, geschmückt mit Deutschlandfahnen und den Losungen "Nie wieder Krieg" sowie "Einheit und Frieden". 40 Jahre sollte es dauern: den Fall der Mauer
hat Wenzel in seinen "Berliner Mauerbildern" festgehalten, vier davon sind in der Werkschau zu sehen ... Wenzel hat schon früh zeitktitische Bilder gemalt, wie
jene hintersinnig-ironischen "Zeitgeister" von 1983/84 als Kommentar zum damaligen NATO–Doppelbeschluss, der zwischen West und Ost eine Phase des Wett-
rüstens einläutete: Ein Moderator, dargestellt als Oberzwerg, verliest die staatlichen Nachrichten, vor dem Fernseher sitzen die Bürger, spießige Gartenzwerge
vom Typ Deutscher Michel, die sich lieber amüsieren als der kriegerischen Bedrohung ins Auge zu sehen. Mit solchen Arbeiten ist Wenzel im Kulturbetrieb der
DDR angeeckt. Bilder von der Ostsee, ein Selbstporträt, Szenen aus der Arbeitswelt, Stillleben, Akte, Bilder aus Russland – und immer wieder Stadtansichten
Wittenbergs prägen das künstlerische Gesamtwerk Wenzels. Alles das findet sich in einer durchdachten Auswahl in der Ausstellung wieder. Ob ein Bild der
Cranach-Höfe im verfallenen Zustand in den 80er Jahren oder andere Altstadt-Motive: Seine Arbeiten ermöglichen einen Spaziergang durch vergangene Jahr-
zehnte Wittenberger Stadtgeschichte. Sie zeigen Ruinen, Baustellen , Plätze, wo heute Naubauten stehen, sie sind eine Art Chronik, die das Vergängliche fest-
halten. Seine Heimatliebe bezieht sich auch auf die Elblandschaften. Wenn er die Elbe malt, dann durchzieht der Fluss in zarten, aber leuchtenden Farben die
Auenlandschaft, im Hintergrund die Stadtsilhouette, geprägt von den beiden geschichtsträchtigen Kirchen ... Die Ausstellung "Manfred Wenzel – Malerei aus
sechs Jahrzehnten" wird am heutigen Mittwoch um 18 Uhr im ALTEN RATHAUS eröffnet. Nach einer Einführung durch die Tochter, Schauspielerin Claudia Wenzel,
würdigen die Kunsthistorikerin Jutta Strehle von der Stiftung Luthergedenkstätten und Thomas Schmid vom Känstlerverband Sachsen- Anhalt das Gesamtwerk
Wenzels. Der bekannte Musiker und Liedermacher Hans-Eckart Wenzel, Sohn des Künstlers, singt zur Vernissage.

                                                                    Wittenberger Wochenschau, April 2009